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Manager verwalten Gegenwart – Führer gestalten Zukunft

19. Januar 2012

Anhand des Buches „Management“ von Dietrich von der Oelsnitz, erschienen 2009 im C.H. Beck Verlag, wird im Folgenden das Weltbild der kapitalistischen Kaste der Manager und Unternehmer untersucht. Der Grund dafür liegt im Anstieg der Managerkaste in den erste und zweite Weltländern und der damit wachsenden Geltung die sich dieser Menschenschlag im Kapitalismus verschafft. Das Leben der Menschen wird von Managern wesentlich mehr beeinflusst, als von Politikern oder den anderen Zwangsinstitutionen. Wenn man sich vorstellt, dass man jeden Arbeitstag unter den Entscheidungen eines Vorgesetzten dahinvegetieren muss, aber nur einmal in mehreren Jahren mit Politik (Wahlen z.B.) in Berührung kommt, wird dies um so deutlicher.

Was sind jedoch Manager?

Zunächst definiert Oelsnitz sie als „die personifizierte Unternehmensleitung“. Das bedeutet das durch die Trennung von Eigentümerrolle und Verfügungsrolle in der Vergangenheit (forciert durch den Gang der meisten Unternehmen an die Börse) neben dem Großkapitalisten, der die Leitung und den Besitz der Produktionsmittel in seiner Person vereinte, jetzt eine andere Kaste hinzukommt, die sich auf die Leitung spezialisiert hat, aber nicht der Besitzer ist. Für die Manager hat das den Vorteil, Unternehmen an die Wand fahren zu können, ohne die ganze Verantwortung tragen zu müssen, denn im Ernstfall können sie ihren Hut nehmen und ebenso oft eine großzügige Abfindung einstreichen. Für den eigentlichen Besitzer hat das den Vorteil, dass er niemals die Schuld für Fehlentscheidungen, wie Umweltkatastrophen, Arbeitsplatzverlust, Armut und Terror tragen muss, sondern einfach seine Managertruppe medienintensiv entlassen kann und sein Bedauern ausdrückt.

Es gibt neben diesen allgemeinen Umständen noch drei verschiedene Stufen von Managern: Die unterste Stufe sind die Gruppenleiter, Bürochefs oder Vorarbeiter. Hierzu Oelsnitz: „Von der Arbeiterschaft, aus der sie oft selber stammen, grenzt man sich ab.“ Die nächste Ebene nennt man „Middle Manager“, nach Oelsnitz stammen diese Leute meistens aus „anderen gesellschaftlichen Schichten“ als die „einfachen Arbeiter“. Middle Manager sind von einem Arbeitsplatzverlust am stärksten bedroht, weil sie sozusagen in der Luft hängen – sie haben weder die starke Lobby des „Top Managements“ noch das Fachwissen der unteren Stufe, sollen aber zwischen beiden Betriebsteilen vermitteln können. Die Löhne für Manager sind ebenfalls eine Betrachtung wert. In „Management“ können wir lesen, dass zwischen 2002 und 2005 in den USA das Gehaltsverhältnis zwischen Vorstand und einfachem Angestelltem von dem 280fachen auf das 400fache gestiegen ist…Dazu ein Zitat aus dem Kapitel „Managerethik“: „Praktische Nächstenliebe in Genügsamkeit und Demut.“ In Deutschland erhielt Josef Ackermann (Deutsche Bank) 2006 eine Jahresvergütung von 13,2 Mio. €. Im Durchschnitt verdient ein Spitzenmanager das 52-fache eines Mitarbeiters. Ist es unrealistisch, wenn man dem die 52-fache Ermüdung des Mitarbeiters entgegenstellt, die 52-fach vorenthaltene Bildung, der 52-fach verwehrte Zugang zu Kultur und Reisen?  Wie rechtfertigen Manager ihre Rolle in der Gesellschaft und was bedeutet für sie die Gesellschaft?

Im Kapitel „Managerethik“ rät Oelsnitz zu der fallspezifischen Frage „Profitiert z.B. die Bevölkerung des afrikanischen Diktators vom Außenhandel?“ Der Manager solle sich bei seinen ökonomischen Entscheidungen auch in dieser Hinsicht Fragen stellen – Handeln wir mit dem Völkermörder, nicht etwa weil wir davon profitieren könnten, sondern weil die Bevölkerung vom Außenhandel profitieren würde? In solchen schwierigen Fällen des Managerlebens hält Oelsnitz aber eine rettende Frage bereit: „Können Manager überhaupt aus ihrer Systemlogik ausbrechen?“

System – Grundlage – Vorbilder

„Militärische Denker waren in Europa Kinder der Aufklärung, also einem vernunftgesteuerten Vorgehen verpflichtet. Ein Vergleich mit heutigem Managerhandeln und -sprechen zeigt: Militärische und unternehmerische Strategien folgen auffallend ähnlicher Logik.“ Das preußische Militär kommt bei Oelsnitz erstaunlich gut weg – er verzichtet auch nicht auf ein Zitat von Feldmarschall Moltke: „So entstehen Konzerne aus einem Guß, die – ein bekanntes Wort des preußischen Feldmarschalls Moltke abwandelnd – „getrennt marschieren und vereint schlagen“.“

Preußischer Militärstaat – die Wiege der Vernunft.

Ein weiteres Zitat zum Geschichtsbild: „Natürlich ist es den Menschen (und gerade unserer Kultur) zu eigen, abstrakte und schwierig zu verstehende Entwicklungen auf solitäre Persönlichkeiten zu projizieren – das soldatische Schlachtenglück wird ebenso gern auf das Genie einzelner Feldherren zurückgeführt (Alexander der Große, Friedrich der II, Napoleon) (…)“ Man kann hier erstens nicht von „Kultur“ sprechen, geschweige denn von „unserer Kultur“, denn die Menschen die er als „wir“ bezeichnen könnte, also die Population im Nationalstaat, wachsen im Zentralismus auf und sind daher nicht in der Lage Kultur zu schaffen. Sie können nur begrenzt das aufschnappen, was bereits existiert. Die wirtschaftliche Zwangssituation, der Zeitraub durch Lohnarbeit hält sie vom meisten Kulturgenuss ab und macht es ihnen unmöglich selbst kreativ zu sein. Die wenigen scheinbaren Ausnahmen in den Erste und Zweite Weltländern, schaffen mehr Konsum, als Kultur, für die besitzende Klasse, die mehr Zeit zur Verfügung hat. Um auf den geschichtlichen Aspekt des Vorherigen einzugehen: Bernt Engelmann hat bereits in den Siebzigern gegen die geschichtliche Verfälschung der Bundesrepublik Deutschland geschrieben (u. a. „Wir Untertanen“, „Trotz Alledem“, usw). Hier ist sein wichtigstes Prinzip die Geschichte nicht als Aneinanderreihung von Entscheidungen der Herrschenden zu betrachten, sondern von der Basis der Gesellschaft, die die wahre Trägerin des Menschheit ist. In anderen Worten, er hat sich zur Aufgabe gemacht gegen dieses „Projizieren auf Einzelpersonen“ aufzuklären. Natürlich ist einem von Oelsnitz derartiges nicht bekannt und so verallgemeinert er aus der Unwissenheit heraus lieber das Geschichtsbild der Zentralisten. Neben Moltke und dem preußischen Militarismus finden wir auch Bezüge zu Clausewitz, dem historischen, chinesischen Militaristen Sun Tsi, Darwin und Papst Pius XI. dessen Realitätsverlust wir folgende Zeilen verdanken: „Nur muß der Erwerb dieser Güter in schuldiger Unterwürfigkeit unter Gottes Gesetz und ohne Rechtsverletzung gegenüber dem Nächsten sich vollziehen…“ Wenn man jetzt daran denkt wie „Güter“ egal welcher Art in den Umlauf kommen und gekommen sind, wirkt dieser Ausspruch nicht wie eine infame Heuchelei, sondern vielmehr beängstigend wie realitätsentgegengesetzte Gehirnwäsche.

Hinzukommt noch ein passendes Menschenbild. Zwar werden Hobbes, Locke und Rousseau hier nicht direkt zitiert, aber auf deren lebensverneinender Grundannahme, dass der „Mensch von Natur aus schlecht ist“ fußt zweifellos die folgende Behauptung: „Arbeitnehmer wie Manager sind aber nicht nur objektive Funktionsträger, sondern zugleich politische Personen mit Eigeninteressen. Budgetierung wird in der Praxis daher nie ganz frei von Verzerrungen und Fehlsteuerungen sein.“ Der Mensch und sein Wohlbefinden steht nicht im Mittelpunkt dieses Denkens, sondern die angebliche Unfehlbarkeit eines synthetischen Systems, für welches der Mensch zu „schlecht“ sein soll. Hier tritt neben der menschenfeindlichen Ideologie der Vertragstheoretiker des siebzehnten Jahrhunderts auch die „Religion“ der Manager zu Tage. Statt der „Spiritualität“ und der „Schrift“ wird alles unkritisch den geltenden wirtschaftlichen Dogmen, Erklärungsansätzen und Mechanismen unterworfen. Die Heiligkeit wandert zum Gelde, zum Profit, zum Ertrag oder geht an die Börse. Religion und ihre unterdrückerische Moral passt hier gut hinein – weshalb Oelsnitz auch bemerkt „daß ein christlicher Wertefundus positiv mit geschäftlichem Erfolg verbunden sein kann“. Wir müssen feststellen, dass die Priester des „betrieblichen Fortschritts“, der sogenannten „Rationalisierung“ zutiefst reaktionär sind. Ihre Ideale stammen aus faschistoiden Traditionen, die den Menschen niemals die Basis zu ihrem Wohlbefinden, die Freiheit ihrer Lebensgestaltung, zugestanden haben, sondern sie in dem Glauben erzogen haben, dass es etwas Höheres über ihnen gibt, dem sie sich unterwerfen müssen. Und rein zufällig sind genau diese Priester oder Manager das Sprachrohr dieser höheren Macht und müssen mit derselben Hingabe und Unterwerfung behandelt werden.

Betriebliche Struktur und Gesellschaft

So ist es nicht verwunderlich, wenn Oelsnitz zu folgenden Behauptungen gelangt: „Nur eine kompetente Zentrale ist in der Lage, die logische Entwicklung des Gesamtunternehmens sicherzustellen.“ Oder „Im menschlichen Organismus gibt es zwar z. B. Ein Herz- Kreislaufsystem oder ein Immunsystem, aber eben keine Hierarchie. Unternehmen aber besitzen und brauchen hierarchische Strukturen.“

Oder „Bspw. kann die Unternehmensleitung als Prinzipal eine betriebliche Reorganisation planen, die aufgrund der damit verbundenen Arbeitsplatzverluste aber von einzelnen Arbeitnehmern sabotiert werden kann.“

Oder „Manager verwalten die Gegenwart, Führer gestalten die Zukunft.“

Aus diesen Textstellen spricht der unreflektierte Glaube an die Führungsnotwendigkeit. Warum im Nationalsozialismus viele wirtschaftliche Größen des deutschen Reiches die Diktatur finanziert haben, ist leicht ersichtlich. In einer Diktatur wird der Arbeiter zum wirtschaftlichen Faktor zum „Wohl des Vaterlandes“ und bleibt keine lebende Person. Warum der gleiche Menschenschlag mit dem Liberalismus und den damit veränderten Bedingungen des Kapitalismus immernoch zufrieden ist, ist die Tatsache dass der Führerkult und die Unterwerfung unter irgendeine Heiligkeit (Geld, Pseudowohlstand, usw.) , der zur Unterwerfung und somit zur Steuerbarkeit der Arbeiter führt, im wirtschaftlichen Sektor erhalten bleibt. Der politische Rechtfertigungsmantel der Demokratie ist ein günstig eingekaufter Kompromiss. Die Ausbeutung bleibt, der Stumpfsinn der zerlegten Produktionsprozesse und die Entfremdung der Menschen ebenfalls. „Setzt die Organisation zu große Anreize – also z. B. Zu hohe Löhne oder zu geringe Arbeitszeiten –, dann zehrt sie ihre Substanz aus.Setzt sie zu niedrige Anreize, demotiviert sie ihre Angehörigen.“

Oder „In keiner Branche können alle Parteien gleich gut verdienen – das Kräftegleichgewicht muß daher zu eigenen Gunsten verändert werden.“ Auch hier entwirft Oelsnitz wieder eine Denkblockade, ohne die sein favorisierter Kapitalismus nicht mehr funktionieren würde. Zum Einen ist es wieder die Organisation, die die Angehörigen motivieren muss. (Soll das bedeuten, dass die im Unternehmen geleistete Arbeit „an sich“ keine Motivation darstellt, also auf unvoreingenommene Art und Weise betrachtet sinnleer ist, da monetär?) Zum Anderen gilt das Dogma der „Ungleichheit“ – ebenfalls eine Voraussetzung für Kapitalismus – Oelsnitz unterwirft sich einfach der „höheren“ Logik und nimmt devot die gegebenen Umstände an. Daneben stellt Oelsnitz die folgende Behauptung auf: „Denn die Erfahrung lehrt: Gesellschaftliche Veränderungen werden zu politischen Vorhaben morgen und zu ökonomischer Realität übermorgen.“

Das ist das Gesellschaftsbild, dass uns immer wieder eingetrichtert wird und an das sich dessen Vertreter auch krampfhaft klammern – Die Basis, die Gesellschaft hat zwar keinen Anteil an Macht und Wertschöpfung, aber sie bestimmt durch ihre sogenannten „Veränderungen“ die Ökonomie. Das ist selbstverständlich völliger Schwachsinn und nur eine billige Rechtfertigung für den Terror der tagtäglich durch den Kapitalismus ausgelöst wird. In Wahrheit ist es ein wenig anders. Eine Fabrik schließt, weil die Gelder an der Börse geblieben sind. Das Umland (als Gesellschaft) leidet darunter und nun erst kommt die Politik und rechtfertigt das Alles, ohne zu versäumen, neue Steuern einzuführen um die sogenannte Krise zu überwinden.

Zu dieser gewollten Fehldarstellung noch ein weiteres Zitat: „Der Grund hierfür (Dass Management ein Massenberuf geworden sein soll, Anm. PMC) besteht in unserer „organisierten Gesellschaft“, wie Max Weber sie charakterisiert hat. Dieser Entwicklungsschritt arbeitsteilig differenzierter Gesellschaften kann letztlich als Parallele zur naturwissenschaftlich-technischen Aufklärung begriffen werden. Aus ökonomischer Sicht, wurde der solitäre Warenproduzent nach und nach durch anonyme Großunternehmungen ersetzt; es entstand die uns heute vertraute, wie selbstverständlich erscheinende Allgegenwart von Organisationen: Wir kommen in einem Krankenhaus zur Welt, werden dann über den Kindergarten in die Schule geführt, danach entweder zum Wehr- oder Zivildienst herangezogen, studieren möglicherweise an einer Hochschule, um anschließend zum Angehörigen eines privaten oder öffentlichen Betriebes zu werden. Daneben sind die meisten von uns Mitglieder eines Sportvereins, einer Wohltätigkeitsorganisation, einer politischen Partei. Viele von uns werden irgendwann betreut wohnen, um schließlich – begleitet von Kirche, Bestattungsunternehmen und Friedhofsverwaltung – unsere letzte Ruhestätte zu finden.“

Von einer “organisierten Gesellschaft” kann heute gar keine Rede sein. Mit ein wenig Respekt vor der Lebensrealität der Menschen kann man allenfalls von einer fremdgesteuerten Masse reden. Zum Einen organisieren sich die Menschen nicht selbst und zum anderen besteht unter ihnen keine nennenswerte Geselligkeit.

Nicht umsonst vermissen wir Begriffe wie Glück, Lebensfreude, Authentizität, Genuss und Gestaltungsfreiheit im Weltbild des Autors. Anstelle dieser lebendigen Dinge stellt er tote Institutionen, Bürokratie und in diesem Zuge die Entmenschlichung. In seinem Abschiedsbrief hat Bastian, der Schütze von Emsdetten, genau diese zwanghafte Lebensführung zu einem der Gründe gemacht, sich und andere zu töten. Er nannte das S.A.A.R.T. – Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod – so ein junger Mensch sieht das so klar und erschreckend und so jemand wie Oelsnitz kapiert es immernoch nicht. Ein totes Leben für den Zentralismus fordert nur derjenige, der seine innigsten Überzeugungen ins Wanken geraten sieht, wenn dieser Zentralismus zugunsten von Kultur und Freiheit hinterfragt wird. Hierzu sei der Klappentext zitiert: „Dietrich von der Oelsnitz ist Professor für Organisation und Unternehmensführung an der Technischen Universität Braunschweig und Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Management.“

Abschließend

Als Fazit der Lektüre von „Management – Geschichte, Aufgaben, Beruf“ kann nur gewarnt werden. Vor den archaischen Formen von Zentralismus und kulturverneinender Macht, von welchen das Management ein wichtiger Teil ist. Diese Manifestationen sind archaisch wie Religion, alt, wie Militarismus und Nationalismus sowie modern, wie Wissenschaftshörigkeit und Profitgier. Allen diesen Motiven hängt nichts menschliches an. Kein Selbstbewusstsein, kein Lebenswillen und kein schöpfendes,positives Element.

Wenn sich diese Prinzipien weiterhin des Menschen bemächtigen, wird Wohlbefinden nicht nur nicht mehr möglich sein, sondern der Grund dafür wird nicht mehr erkannt werden. Stattdessen ist die Ersatzbefriedigung „Ertrag“ oder „Renditesteigerung“ da. An die Stelle von Zwischenmenschlichkeit tritt in vollem Maße das Führerprinzip.

Pour ma Classe

Quelle: Blog Pour ma Classe

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